08.08.2010
Angst vor Kaffee?
Kaffee ist und bleibt das Lieblingsgetränk der Deutschen. 1,3Milliarden Tassen haben sie nach Angaben des Deutschen Kaffeeverbands im vergangenen Jahr getrunken. Oder anders ausgedrückt: Im Durchschnitt hat sich jeder Deutsche 150 Liter Kaffee übers Jahr verteilt schmecken lassen.
Was Getränke wie Kaffee und Tee, aber auch Cola und Kakao weltweit so
beliebt macht, ist vor allem ihre anregende Wirkung. Die macht anderen
Menschen allerdings zu schaffen: Sie verspüren nach dem Genuss von
koffeinhaltigen Getränken Herzrasen, Schweißausbrüche, Unruhezustände
und Einschlafstörungen; viele von ihnen erleben auch eine unbestimmte
Angst. Gerade Patienten, die an einer Angsterkrankungen leiden,
trinken deswegen häufig keinen Kaffee mehr oder reduzieren den Konsum.
Würzburger Wissenschaftler unter der Leitung des Psychiaters Professor
Jürgen Deckert haben mit einer Arbeitsgruppe um Peter Rogers von der
Universität Bristol jetzt herausgefunden, dass das Ausmaß der
Ängstlichkeit auch von der Regelmäßigkeit des Kaffeegenusses abhängt.
Über ihre Arbeit berichtet die Fachzeitschrift Neuropsychopharmacology
in ihrer neuesten Ausgabe.
Veränderungen im Erbgut sind der Auslöser
Veränderungen im Erbgut sind dafür verantwortlich, dass manche
Menschen mit Angst auf eine Tasse Kaffee oder Tee reagieren. „Wir
konnten zeigen, dass eine Variante im Gen des Adenosin-A2A-Rezeptors
eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt“, sagt Jürgen Deckert.
Normalerweise dockt der Botenstoff Adenosin in bestimmten Bereichen
des Gehirns an diesen Rezeptor an und löst damit eine beruhigende
Reaktion aus. Ist das Rezeptor-Gen jedoch verändert, kann Koffein das
Adenosin verdrängen und somit dessen beruhigende Wirkung verhindern.
Dafür müssen die Betroffenen das veränderte Gen allerdings sowohl auf
dem väterlichen als auch auf dem mütterlichen Chromosom tragen. „Wir
haben in einer Untersuchung an freiwilligen Probanden in Kooperation
mit der Arbeitsgruppe von Harriet de Wit von der Universität Chicago
festgestellt, dass nur die Probanden, die auf dem langen Arm beider
Chromosomen 22 jeweils die gleiche Genvarianten besaßen, auf eine
mittlere Dosis von Koffein mit Angst reagierten“, sagt Deckert. Dieser
Effekt war – genauso wie die anregende Wirkung von Koffein –
vorübergehend; mit der Zeit ließ er nach und war nach einigen Stunden
komplett abgeklungen.
Auf die Dosis kommt es an
Die Angstreaktion trat allerdings nur dann auf, wenn die
Versuchspersonen eine mittlere Dosis von Koffein zu sich nahmen –
nämlich 150 Milligramm, das entspricht in etwa zwei Tassen Kaffee. Bei
einer niedrigeren Dosis (50 Milligramm) reagierte keine der
Versuchspersonen mit Angst, bei einer hohen Dosis (400 Milligramm)
hingegen zeigten alle Versuchspersonen eine erhöhte Ängstlichkeit – so
das Ergebnis einer weiteren Untersuchung mit Wissenschaftlern der
Universität Chicago. Die genetische Variation ist also nur im
mittleren Dosisbereich für die Entwicklung von Angst relevant.
„Das Ergebnis überrascht nicht. Ähnliche Verläufe findet man auch in
anderen Bereichen“, sagt Deckert. Ein Beispiel: Bei einem Liebesfilm
fürchtet sich normalerweise kein Zuschauer, bei einem Horrorfilm
jeder. Bei der „mittleren Dosis“ – einem Krimi – verspüren nur
diejenigen Angst, die dafür empfindlich sind.
Regelmäßiger Konsum macht unempfindlich
Wer einmal mit Angst auf Kaffee reagiert, muss dies aber nicht sein
Leben lang tun. „Wir sind in unserer jüngsten Untersuchung zusammen
mit Peter Rogers von der Universität Bristol der Frage nachgegangen,
ob sich die Höhe des täglichen Koffeinkonsums der Probanden auf den
Geneffekt auswirkt“, sagt Deckert. Dabei zeigte sich: Bei Menschen,
die regelmäßig eine mittlere oder hohe Dosis Koffein zu sich nahmen,
ist der Geneffekt schwächer. Mit anderen Worten: „Wahrscheinlich kann
sich die anlagebedingte Unverträglichkeit bei schrittweiser Steigerung
der Dosis und regelmäßigem Konsum zurückbilden“, sagt der Mediziner.
Deckert wertet das Ergebnis dieser Untersuchungen als weiteren Beleg
dafür, wie komplex Gen-Umwelt-Interaktionen sein können.
Der Zusammenhang mit Angsterkrankungen
Dieselbe genetische Variante, die zu einer erhöhten Ängstlichkeit nach
dem Genuss von Koffein führt, konnten die Würzburger Forscher in
Zusammenarbeit mit Forschern der Universität Bonn um Markus Nöthen
bereits vor einigen Jahren als genetische Risikovariante für
Angsterkrankungen identifizieren. Alleine kann sie jedoch wohl nicht
die Ursache einer Angsterkrankung sein. „Hier braucht es sicher
zusätzlich Umweltfaktoren wie beispielsweise den Genuss von Koffein
oder traumatische Lebensereignisse“, so Jürgen Deckert.
Diese komplexen Interaktionen von Koffein und anderen indirekt auf den
Adenosin-A2A-Rezeptor einwirkenden Substanzen werden zur Zeit von den
Würzburger Forschern in Kooperation mit einer Münsteraner
Arbeitsgruppe um Katharina Domschke im Rahmen des
Sonderforschungsbereiches SFB TRR 58 „Furcht, Angst,
Angsterkrankungen“ untersucht.
Julius- Maximilians- Universität Würzburg
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