10.02.2010
Neuer Wirkstoff gegen Kraut- und Knollenfäule
Wissenschaftler des Leibniz-Institutes für Pflanzenbiochemie (IPB) haben einen Wirkstoff entdeckt, der in Zukunft als Leitstruktur für die Entwicklung neuer Agrochemikalien dienen könnte. Die aus Pilzen isolierten Substanzen wirken stark antibiotisch gegen den Erreger der Kraut- und Knollenfäule an Kartoffeln, Phytophthora infestans. Die Wirkstoffgruppe wurde im Herbst 2009 zum Patent angemeldet.
Gegen Phytophthora infestans, den Erreger der Knollenfäule bei
Kartoffeln, ist bis heute kein Kraut gewachsen. Der Mikroorganismus
gehört zur Klasse der Oomyceten, deren Vertreter eine Übergangsform
zwischen Braunalgen und Pilzen darstellen. Phytophthora verbreitet
sich über Sporen, die mit Hilfe eines Keimschlauches in das
Blattgewebe der Pflanzen eindringen. Erste Anzeichen des Phytophthora-
Befalls zeigen sich an bräunlichen Flecken der Blätter. Im Laufe der
Infektion verfaulen oder vertrocknen die Blätter und fallen
schließlich ab. Werden die Sporen bei Regen in den Boden gespült,
befallen sie auch die Knollen, deren Fleisch sich blau-grau verfärbt
und ungenießbar wird. Wenn Phytophthora in den Knollen überwintert,
kann eine einzige infizierte Knolle, die im Frühjahr ausgebracht wird,
den gesamten Kartoffelbestand vernichten.
Dies geschah beispielsweise Mitte des 19. Jahrhunderts in Irland, als
der Erreger über mehrere Jahre hinweg die Kartoffelernte zerstörte und
damit eine Hungersnot auslöste in deren Konsequenz etwa eine Millionen
Iren starben und weitere zwei Millionen nach Amerika auswanderten.
Heute versucht man dem Krankheitserreger mit verschiedenen
antimikrobiellen, pilzabtötenden Wirkstoffen (Fungiziden) zu begegnen.
Da der Oomycet jedoch nur wenige Eigenschaften von Pilzen aufweist und
den Braunalgen näher verwandt ist, ist seine Bekämpfung mit
Antipilzmitteln wenig effizient. Deren Wirkung wird in der Regel
schnell umgangen, indem der Erreger entsprechende Resistenzmechanismen
entwickelt. So sorgt Phytophthora noch immer für weltweite
Ernteeinbußen von etwa 20 Prozent.
Jetzt wurde am IPB unter Leitung von Dr. Norbert Arnold eine Substanz
in Höheren Pilzen entdeckt, die den Erreger bereits in sehr niedrigen
Konzentrationen abtötet. Die Produzenten des Wirkstoffes, die
sogenannten Schnecklinge, sind in heimischen Wäldern, wie zum Beispiel
dem Harz, häufig zu finden. "Während meiner vielen Pilzexkursionen ist
mir aufgefallen, dass Schnecklinge fast nie von Krankheitserregern
oder Parasiten zersetzt werden", erzählt der Leiter der AG
Naturstoffe. Deshalb hat Arnold vor über zehn Jahren angefangen,
Schnecklinge zu sammeln und deren Inhaltsstoffe zu analysieren.
Das Ergebnis war vielversprechend. Die Biotests ergaben, dass
Schnecklinge eine Vielzahl von antibiotischen Substanzen produzieren,
die gegen Bakterien und parasitische Pilze aktiv sind. Die jüngst
gefundenen Naturstoffe gehören zur Gruppe der Oxocrotonatfettsäuren
und wirken gegen Oomyceten, zu denen Phytophthora gehört. Den Befunden
zufolge, hemmen die Wirkstoffe in starkem Maße die Sporenkeimung aber
auch das Myzelwachstum des Erregers. Dies wurde zunächst im
Reagenzglas und später auch an Pflanzen demonstriert. So wie¬sen
Kartoffelpflanzen, deren Blätter man mit einer bestimmten Menge an
Oxocrotonatfettsäuren spritzte und anschließend mit Sporen von
Phytophthora infizierte, keinerlei Krankheitszeichen der Kraut- und
Knollenfäule auf. Auf die Pflanzen selbst hatte der Wirkstoff, auch in
hohen Konzentrationen appliziert, keinen negativen Effekt.
Deshalb ist diese Stoffgruppe für die Entwicklung neuer
Agrochemikalien zur Bekämpfung der Kraut- und Knollenfäule besonders
interessant. Durch die Synthese von modifizierten Derivaten des
Naturstoffes erhofft man sich, neue Substanzen zu finden, die noch
effizienter wirken als ihre natürlichen Vorbilder. Interessant und
noch zu beantworten ist auch die Frage nach dem Wirkprinzip der
Oxocrotonatfettsäuren. Da Pilze in der Regel nicht von Phytophthora
befallen werden, vermutet man, dass die Stoffgruppe unspezifisch gegen
eine Vielzahl von Mikroorganismen wirkt. Erste Untersuchungen
bestätigen das: So wirken Oxocrotonatfettsäuren auch gegen
Colletotrichum coccodes, den Erreger der Welkekrankheit bei
Kartoffeln. Im Gegensatz zu Phytophthora gehört Colletotrichum jedoch
nicht zu den Oomyceten, sondern zu den mikrobiellen Pilzen.
Die Suche nach biologisch aktiven Wirkstoffen in Pflanzen und Pilzen
ist ein wichtiger Forschungsbereich der Abteilung Natur- und
Wirkstoffchemie des IPB. Besonders Pilze erweisen sich dabei als
lohnenswerte Objekte, denn diese Organismen sind im Vergleich zu
Pflanzen kaum untersucht. Bisher kennt man etwa 70.000 Pilzarten.
Schätzungen zufolge gibt es jedoch über eine Millionen weitere noch
unentdeckte Arten. Zudem sind Pilze für ihre enorme Produktion an
Giftstoffen bekannt. Die Ursache liegt möglicherweise an der großen
Empfindlichkeit des Pilzgewebes. Pflanzen wehren sich gegen
Fraßfeinde, indem sie Schutzschichten, wie z.B. die Rinde oder eine
feste Cuticula an den Blattoberflächen ausbilden. Zusätzlich
produzieren sie chemische Abwehrstoffe gegen Parasiten und
Krankheitserreger. Bei Pilzen hingegen sind diese mechanischen
Barrieren gegen hungrige Invasoren kaum vorhanden. Deshalb wehren sie
sich, mehr noch als Pflanzen, auf chemischem Wege, indem sie Stoffe
produzieren, die den arglosen Essern nicht schmecken oder giftig sind.
Auch für den Menschen ungiftige Pilze enthalten oft wirksame
Substanzen gegen Bakterien und andere Pilze.
Wie aber kommt man überhaupt dazu, Pilze nach einem Wirkstoff gegen
einen Erreger von Pflanzenkrankheiten zu durchforsten? Die Antwort
liegt in den sich überlappenden Aktionsradien verschiedener
Expertenkreise am IPB. Während die Chemiker Pflanzen und Pilze nach
allen möglichen biologisch aktiven Wirkstoffen durchforsten,
beschäftigen sich die Biologen der Abteilung Stress- und
Entwicklungsbiologie intensiv mit den Ursachen von
Pflanzenkrankheiten. So erforschen die Wissenschaftler unter Leitung
von Dr. Sabine Rosahl die molekularen Entstehungsmechanismen der
Kraut- und Knollen¬fäule. Hier geht man u.a. der Frage nach, auf
welchem Wege der Erreger die Kartoffeln krank macht und wie sich
dessen Wirtspflanzen dagegen wehren.
Nach einem Wirkstoff gegen Phytophthora außerhalb der Pflanzen würde
man bei der Bearbeitung dieser Fragestellungen nicht explizit suchen.
"Aber: Wir hatten die Erreger und ihre Wirtspflanzen und auch die
Erfahrung und das benötigte Equipment, um beide Organismen zu
untersuchen", konstatiert Frau Rosahl. "Und im Labor nebenan suchten
die Chemiker nach biologisch aktiven Substanzen. Also lag es nahe, die
isolierten Naturstoffe auf ihre Wirkung auf Phytophthora zu
überprüfen." Der Blick über die Grenzen der eigenen Laborbank brachte
den erwünschten Erfolg, der jüngst im Journal of Agricultural and Food
Chemistry (J. Agric. Food Chem. 2009, 57, 9607-9612) publiziert wurde.
Dieser interdisziplinäre Ansatz, das Spezialwissen aus verschiedenen
Richtungen unter einem Dach zu vereinen, ist seit seiner Gründung ein
Markenzeichen des IPB und sorgt bis heute für beachtliche Ergebnisse
von internationalem Rang.
Institut für Pflanzenbiochemie
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