13.01.2010
Wasserstoff aus dem Reagenzglas
Bochumer Forscher nutzen Wasserstofffabrik der Grünalge
Wasserstoff gilt als Energieträger der Zukunft: Ohne Ausstoß von CO2 und Schadstoffen lässt sich daraus Strom gewinnen. Die umweltfreundliche Herstellung ausreichender Mengen Wasserstoffs beschäftigt daher die Forschung seit langem. Als mikroskopisch kleine Fabrik steht dabei die Grünalge Chlamydomonas reinhardtii im Mittelpunkt, die unter Stress Wasserstoff bilden kann.
Bochumer Biologen ist es jetzt gelungen, die dafür verantwortlichen
Bestandteile der Alge zu isolieren und die Produktion ins Reagenzglas
zu verlegen. "Dieses natürliche System erzeugt sechsmal so viel
Wasserstoff wie ein halb-artifizielles, über das amerikanische
Kollegen erst kürzlich berichtet haben",
sagt Arbeitsgruppenleiter Prof. Dr. Thomas Happe. Darüber hinaus
klärten die Forscher die Reaktion im Detail auf und ebneten so den Weg
zur Optimierung der Wasserstoffausbeute. Die Forscher berichten im
Journal of Biological Chemistry.
Notlösung für die Alge
Für die Grünalge ist die Wasserstoffproduktion eine Notlösung. Während
sie die durch die Photosynthese gewonnene Energie unter normalen
Bedingungen in Zellvermehrung und Wachstum investiert, fehlen ihr
dafür bei Nährstoffmangel die Bausteine. Um die bei der Photosynthese
aus Lichtenergie gewonnenen Elektronen trotzdem loszuwerden, setzt die
Alge sie mit Hilfe eines speziellen Enzyms, der Hydrogenase, mit
Protonen zu Wasserstoff um, den sie an ihre Umgebung abgibt. Schon
lange experimentiert die Forschung mit Algenreaktoren, die auf diese
Weise Wasserstoff herstellen. "Dieser langgehegte Traum der Forschung
von der Erschließung der Solarenergie konnte bislang aber leider nur
sehr ineffektiv umgesetzt werden", erklärt Prof. Happe.
Drei Komponenten im Reagenzglas genügen
Der Bochumer Arbeitsgruppe um Prof. Happe ist es nun in Zusammenarbeit
mit Kollegen der Universität Münster gelungen, den bislang nur
unzureichend verstandenen grünalgenspezifischen Prozess der
Wasserstoffbildung durch Kombination der Hydrogenase mit ausgewählten
Proteinen der Photosynthesekette im Reagenzglas nachzubilden. Sie
isolierten dafür getrennt voneinander die für die Lichtaufnahme
erforderlichen Photosynthesekomplexe, das als Elektronenvermittler
dienende Ferredoxin PetF und die wasserstoffproduzierende
[FeFe]-Hydrogenase HydA1, die sie dann unter Belichtung vereinten.
"Bereits nach wenigen Minuten ist eine deutlich lichtabhängige
Wasserstoffbildung feststellbar, die nur einsetzt, wenn alle drei
Komponenten enthalten sind", so Prof. Happe.
Sechsmal mehr Wasserstoff als in halb-artifziellen Systemen
Die Wasserstoffbildung durch die natürlichen Komponenten im
Reagenzglas zeigte sich dabei erstaunlich effektiv im Vergleich mit
anderen Ansätzen. Erst kürzlich berichteten US-amerikanische Forscher
aus Tennessee von der Etablierung eines semiartifiziellen Systems zur
lichtgetriebenen Wasserstoffproduktion mit flächig aufgelagerten
Photosynthesekomplexen und Platin-Nanopartikeln, welche die
Katalysatorfunktion einer Hydrogenase ersetzen. Ihren Angaben zufolge
liegt die Ausbeute, die mit einer großtechnischen Anlage unter
optimalen Bedingungen gewonnen werden könnte, um eine Größenordnung
über der Kraftstoffausbeute, die heute mit landwirtschaftlichen
Mitteln in der Produktion von Biodiesel oder Bioethanol erzielt werden
kann [Iwuchukwu et al.; 2009; Nature Nanotechnology]. "Die in dieser
Studie erreichte Wasserstoffbildungsrate von hochgerechnet drei Litern
pro Gramm Chlorophyll und Tag wird vom natürlichen System der
Grünalgen bereits im Reagenzglas um das sechsfache übertroffen",
entgegnet Prof. Happe.
Wechselwirkung im Detail geklärt
Ferner gelang es der Bochumer Arbeitsgruppe, den genauen
Kopplungsmechanismus von Photosynthese und Wasserstoff bildendem Enzym
experimentell auf molekularer Ebene aufzuklären. Von entscheidender
Bedeutung scheinen dabei hochgradig spezifische
Ladungswechselwirkungen zwischen den Proteinoberflächen von Ferredoxin
und Hydrogenase zu sein. "Mit dem Verständnis dieser Protein-Protein- Wechselwirkung eröffnen sich nun verschiedene Möglichkeiten zur Optimierung der natürlichen Wechselwirkungseffizienz beider Proteine",
schätzt Prof. Happe. "Das könnte in Zukunft sowohl mit dem lebenden
Organismus als auch mit enzymbasierten semiartifiziellen Systemen eine
wirtschaftlich interessante und ökologisch vorbildliche Wasserstoff- Produktion ermöglichen."
Ruhr-Universität Bochum
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