09.12.2009
Turbo-Züchtung schafft Super-Kartoffel
Die Schale ist hellbraun, das Fleisch saftig und gelb - rein äußerlich sieht die neue Kartoffel aus wie jede andere. Doch in ihrem Inneren ist sie anders: Ihre Zellen produzieren reines Amylopektin, eine Stärke, die in der Papier-, Textil- und Nahrungsindustrie benötigt wird.
Die neue Kartoffel, die jetzt zum ersten Mal geerntet und verarbeitet wird, haben Fraunhofer-Forscher mit Hilfe eines neuen, besonders schnellen Züchtungsverfahrens entwickelt.
Der Herbst 2009 war für das Unternehmen Emsland Group ein besonderer
Herbst: Zum ersten Mal in der Geschichte des größten deutschen
Kartoffelstärke-Herstellers wurden Tilling-Kartoffeln verarbeitet, die
ausschließlich die Stärke Amylopektin enthalten. Aus dieser lassen
sich nicht nur Speisestärken zum Binden von Suppen und Desserts
gewinnen, sondern auch Kleister und glättende Beschichtungen für die
Papier- und Garnherstellung. "Die Kartoffel ist das erste durch
Tilling gewonnene Produkt in Deutschland, das Marktreife erlangt hat",
erläutert Prof. Dirk Prüfer vom Fraunhofer-Institut für Molekulare und
Angewandte Ökologie IME.
Tilling - die Abkürzung steht für "Targeting Induced Local Lesions In
Genoms" - ist ein Züchtungsverfahren, mit dem die Forscher der
Evolution auf die Sprünge helfen. In der Natur geht die Evolution
langsam: Durch Mutation und Selektion verändern sich Tier- und
Pflanzenarten. Im Laufe der Generationen entwickeln sich diejenigen
weiter, die sich auf Grund ihrer genetischen Ausstattung am besten an
die gerade herrschenden Umweltbedingungen anpassen konnten. Andere
Arten sterben aus. Der Mensch nutzt den Evolutionsprozess seit
Jahrtausenden für seine Zwecke, indem er besonders ertragreiche Sorten
weitervermehrt. Moderne Züchtungsverfahren funktionieren im Prinzip
genauso, allerdings wird die natürliche Mutationsrate beschleunigt:
"Mit Hilfe von Chemikalien lässt sich schnell eine große Anzahl von
Mutanten gewinnen", sagt Jost Muth vom IME, der an der Entwicklung der
neuen Stärke-Kartoffel beteiligt war. "Wir arbeiten hier mit
natürlichen Prinzipien: In der Natur löst das Sonnenlicht
Veränderungen im Erbgut aus. Mit Chemie erreichen wir dasselbe, nur
schneller."
Bisher war Mutationszüchtung ein mühsamer Prozess: "Die Züchter
mussten das mutierte Saatgut auf dem Feld ausbringen. Erst Monate
später, am Ende der Vegetationsperiode, konnten sie sehen, ob eine der
genetischen Veränderungen den gewünschten Erfolg hatte. Die meisten
der erzeugten Mutationen konnten dabei gar nicht entdeckt werden, weil
das Merkmal oft nicht dominant ist", so Prüfer. Seinem Team ist es
gelungen, die Umsetzung zu beschleunigen. Im Labor am IME werden die
mutierten Samen zum Keimen gebracht. Sobald die ersten Blätter
erscheinen, ist Erntezeit: Die Forscher nehmen eine Blattprobe,
brechen die Zellstrukturen auf, isolieren das Genom und analysieren
es. Innerhalb weniger Wochen lässt sich auf diese Weise herausfinden,
ob eine Mutation die gewünschten Eigenschaften hat.
In einem durch die Fachagentur "Nachwachsende Rohstoffe" geförderten
Projekt haben die Forscher am IME in Zusammenarbeit mit den Firmen
Bioplant und Emslandstärke den Super-Kartoffelkeim aufgespürt: 2748
Keimlinge mussten untersucht werden, bis derjenige identifiziert war,
der ausschließlich die Stärkekomponente Amylopektin produziert. Aus
diesem Keim gewannen die Experten die erste Generation von Super-
Kartoffeln. In ihrem Erbgut sind nur die Gene aktiv, die die Bildung
von Amylopektin auslösen, während die Amylose-Gene ausgeschaltet sind.
"Bisher enthielten Kartoffeln immer beide Stärkearten. Die Industrie
musste das Amylopektin von der Amylose abtrennen - ein energie- und
kostenintensives Verfahren", erklärt Prüfer. Da Tilling-Kartoffeln nur
Amylopektin enthalten, entfällt dieser Prozessschritt. Allein in
Deutschland benötigt die Papier- und Klebstoffindustrie jährlich 500
000 Tonnen hochreines Amylopektin. Dazu kommen der Bedarf der
Lebensmittelbranche und der Textilindustrie - letztere nutzt die
Stärke, um Garne vor dem Weben zu glätten.
100 Tonnen der neuen Super-Kartoffeln wurden in diesem Herbst
geerntet. "Sie lassen sich wie gewohnt in den Fertigungslinien
verarbeiten", berichtet Muth. "Besondere Maßnahmen sind nicht
notwendig, weil die Tilling-Kartoffeln ganz normale Züchtungen sind,
die kein gentechnisch verändertes Material enthalten." Das Beispiel
zeigt, dass sich mit klassischer oder moderner Turbo-Züchtung viel
erreichen lässt. Die Voraussetzung für jede Art der Züchtung ist
jedoch, dass das Gen, das zur Ausprägung der gewünschten Eigenschaft
führt, in der Pflanze vorhanden und bekannt ist - wie das Gen für die
Produktion von Amylose in Kartoffeln. "Wenn wir fremde Gene in die
Pflanze einschleusen wollen, um beispielsweise Tabakpflanzen dazu zu
bekommen, pharmakologische Wirkstoffe zu produzieren, ist es
unumgänglich und sinnvoll gentechnische Verfahren zu benutzen",
resümiert Prüfer: "Grundsätzlich gilt beim Umgang mit Genen: Soviel
Veränderung wie nötig aber so wenig wie möglich."
Weitere Informationen finden Sie unter:
http://www.fraunhofer.de/presse/presseinformationen/2009/12/super-kartoffel.jsp
http://www.ime.fraunhofer.de
Fraunhofer-Gesellschaft
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